Sonne durchbricht die Wolken

December 3, 2014

Ein Bauer besaß ein wunderbares edles Pferd, das voller Anmut so schnell und ruhig lief, dass man den Eindruck hatte, es würde fliegen. Niemand hatte je ein vergleichbares Pferd gesehen Eines Tages hörte der König von diesem Zauberpferd, und er besuchte den Bauern, um es mit eigenen Augen zu sehen. Als er das Tier in seiner Anmut erblickte, wurde der Wunsch in ihm geweckt, dieses Pferd zu besitzen, Er bot dem Bauern tausend Goldstück an. Doch der Bauer lehnte ab. Als der König wieder fort war, stürmten die Dorfbewohner auf den Bauern ein: „Welch ein Unglück, Bauer. Hattest du das Pferd nur verkauft, du wärst der reichste Menschen weit und breit geworden. Der Bauer aber sprach: „Wer weiß, ob es Glück oder Unglück ist, wartet einfach ab.“ Einige Zeit später war das Zauberpferd verschwunden. Alle Dorfbewohner halfen bei der Suche, aber es war nicht aufzufinden. Die Leute riefen: „Welch ein Unglück, Bauer. Hättest du das Pferd nur verkauft“. Und der Bauer antwortete: „Ihr seid so schnell mit eurem Urteil. Wer weiß, ob dies ein Glück oder Unglück ist.“ Und zur Überraschung aller tauchte einige Zeit später das Pferd mit einer ganzen Herde Wildpferde auf – eines edler als das andere. Und die Leute riefen: „Welch ein Glück! Du wirst eine große Pferdezucht beginnen und die besten Pferde im ganzen Land haben!“ Und der Bauer antwortete: „Lasst eure vorschnellen Urteile sein. Wer weiß schon, ob es wirklich Glück oder doch ein Unglück ist“. Der Sohn des Bauern begann, die energischen Wildpferde zuzureiten. Als ein besonders wilder Hengst sich aufbäumte und ihn abwarf, fiel er so unglücklich, dass er fortan als Krüppel nicht mehr laufen konnte. Die Leute liefen zusammen. „Bauer, welch ein Unglück. Dein einziger Sohn ist ein Krüppel Wer wird für dich im Alter sorgen?“ Aber der Bauer sprach: „Lernt ihr denn nicht dazu? Wer weiß schon, ob dies ein Glück oder ein Unglück ist.“  Einige Zeit später wurde das Königreich vom mächtigen Nachbarreich angegriffen und alle wehrfähigen Männer mussten in den aussichtslosen  Krieg. Alle Männer im Dorf wurden eingezogen, außer dem Krüppel, und man konnte nicht mit ihrem Wiederkommen rechnen. Großes Wehklagen erscholl im Dorf, als die Männer davonzogen. Und die Menschen sagten unter Tränen zum Bauern: „Du bist der einzig Glückliche hier, der Einzige, der seinen Sohn behalten kann.“ Und wieder sprach der Bauer: „Wann endlich hört ihr auf, Glück oder Unglück zu prophezeien. Wer weiß schon, was es bringen wird…“

Die Geschichte ließe sich endlos fortschreiben.

Da wir nur eine begrenzte Zeitspanne überblicken können, urteilen wir meist schnell über die Ereignisse. Ohne dass uns das bewusst ist, bilden wir uns in den ersten Sekunden einer Begegnung mit einem Menschen ein Urteil über ihn oder sie. Wir können Menschen nicht so sehen wie sie sind, sondern nehmen unsere Bewertung war – wie sie aus unserer Sicht sein sollten.

Dadurch distanzieren wir uns auch von dem Menschen oder dem Erlebnis und werden nicht wirklich berührt.

Es fällt uns extrem schwer, die Dinge und Menschen so zu sehen wie sie sind.

Ein schöne und wertvolle Übung ist der „Urteilsfreie Tagesrückblick“:

Am Ende des Tages setze ich mich hin und lasse den Tag in ca. 10 Minuten an mir vorrüberziehen. Ich achte auf das, was gerad jetzt noch einmal aufsteigen möchte. Dabei nehme ich nur wahr ohne zu beurteilen. Gefühle und Spannungen können jetzt noch einmal im Nachhinein angeschaut und wahrgenommen werden.  Zu jeder Situation sage ich dann: Das darf so sein.

Erst zum Schluss schaue ich dann noch einmal, wo ich Korrektur und Vergebung brauche.

Diese Übung ist ein Training in Achtsamkeit und fällt den meisten Menschen nicht leicht. Mit etwas Übung kann man jedoch in 2-3 Wochen enorme Fortschritte erzielen! Auch für Ehepaare ist dies eine hervorragende Übung. Die Beziehung am ende des Tages an mir vorrüberg ziehen lassen und den Partner wieder freigeben…