Jon Kabat-Zinn hat für Therapeuten 8 entscheidende Punkte in seinem Buch „Gesund durch Meditation“ herausgestellt. Ich finde, dass sie sehr gut zum systemischen Ansatz der Beratung passen:

1. Nicht beurteilen

Alles was ich wahrnehme (erst einmal) nicht beurteilen oder interpretieren. Und dies fällt uns Menschen im Westen besonders schwer. Durch einen ausgeprägtem Dualismus empfinden wir uns stark getrennt von der Außenwelt. Somit bewerten wir die Außenwelt in Gut und schlecht. Dies ist sicher ab und zu nötig. Jedoch ist es bei uns in Inflationär geworden. Wir spalten die Wirklichkeit auf in Subjekt und Objekt. Im selben Maße entwickelt sich leider ein Gefühl von Isolation und Trennung.

2. Geduldig sein

In der Bibel heißt es: „Alles hat seine Zeit“. So simpel dieser Satz klingt, so tief gehend ist der aber für die praktische Lebensführung. Für die systemische Beratung gilt: alles geht in genau der Zeit von statten, die der Klient wirklich braucht und nicht, wie ich denke, dass es gehen sollte… In der Beratung erfahren viele Klienten zum erste Mal, dass alles seine eigene Zeit hat. Sie können sich somit entspannen und sich selbst erlauben, einen persönlichen Prozess zu erleben.

3. Den „Anfängergeist“ bewahren

Als systemische Beraterin erlebe ich es immer wieder befreiend, mich spielerisch und neugierig auf den jeweiligen Menschen einzulassen.
Warum? Professionelles Herangehen erleichtert zwar die Arbeit, aber es macht auch blind. Nur wenn ich mich neugierig auf neue Sichtweisen einlasse, wird Kreativität angeregt und es können sich neue Lösungen entwickeln. Und es entsteht ein großer Erfahrungsreichtum.
Forschend, offen, neugierig erkennen wir den ganzen Reichtum des Augenblicks. Außerdem hilft mir diese Haltung,  mich auf  Klienten mit herausfordernden Angelegenheiten einzulassen und mich auf Ihre Welt einzustimmen.

4. Nicht-Greifen

Besonders wenn ein Klient sehr stark leidet und Schmerzen hat, oder mich das Schicksal besonders berührt, neige ich dazu, etwas festzuhalten. In solchen Situationen neige ich dazu, sehr schnell eine Lösung im Kopf zu haben. Genau dies hindert mich aber an der achtsamen Wahrnehmung und ich kann mich leicht als Berater verstricken. Nur wenn ich hier nicht „greife und festhalte“ bekomme ich wieder Abstand und finde in meine „Objektivität“ zurück.

5. Vertrauen

Vertrauen ist eine entscheidende Dynamik in der Beratung. Wenn ich mir selbst und meinen Fähigkeiten vertraue, gestalte ich eine Atmosphäre des Vertrauens. Dies kann sich auf den Klienten übertragen. Er oder sie beginnt wieder sich selbst zu vertrauen. So seltsam es klingt, aber es geschieht eine Art positive „Übertragung“.

6. Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet zum einen, meine eigenen Grenzen als Beraterin zu akzeptieren. Man könnte es auch „Freundschaft schließen“ nennen. Ich schließe Frieden mit den Möglichkeiten und Grenzen.

Das heißt auch, mit unangenehmen Situationen bei sich zu sein und sie als dem Leben zugehörig zu betrachten. Es läuft nichts falsch, wenn mein Klient weint. Besonders stark ist diese Erfahrung, wenn der Klient vielleicht aus familiären Umfeld gewohnt ist, direkt alles wieder schnell zu glätten.
Mit dieser Akzeptanz erlebt der Klient Raum für sich selbst und auch Akzeptanz für die eigenen Gefühle.

7. Loslassen

Als Beraterin stehe ich beständig in Gefahr, den Klienten zu sehr helfen zu wollen. Wenn ich aber loslasse und mich zurücknehme, kann ich dem Klienten wieder Raum geben, sich voll und ganz auf seine eigenen Bedürfnisse zu konzentrieren. Damit tritt Entspannung ein die sich positiv auf den Klienten auswirkt. Der übliche Leistungsdruck und Stress kann abfallen.

8. Güte und Mitgefühl

Für jede Beratung gilt das, was für jede Achtsamkeitspraxis gilt: Liebe und Mitgefühl zu erfahren. Diese Kraft verbindet uns mit allen Menschen um uns herum. Mit Liebe und Mitgefühl verstärkt sich die Akzeptanz und es entsteht Vertrauen und Geduld. Auf diese Weise lernen wir uns immer umfassender kennen und können mit uns Frieden schließen. Auch mit unseren Lebenswunden und noch nicht gelösten Konflikten.